Mozart und die Theologie der Leichtigkeit
Zum 270. Geburtstag des Salzburger Genies: Eine essayistische Meditation über Musik, Vulnerabilität und transzendente Heiterkeit
27. Januar 2026 – Daniel M. Bühlmann
I. Prolog: Das Paradox der Leichtigkeit
Am 27. Januar 1756 erblickte in der Getreidegasse zu Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das die Musikgeschichte revolutionieren und zugleich eine der tiefsten theologischen Fragen in Klang verwandeln sollte: Wie kann aus der Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins eine Heiterkeit erwachsen, die nicht Verdrängung, sondern Verklärung ist?[1] Wolfgang Amadeus Mozart – dieser Name steht heute, 270 Jahre nach seiner Geburt, für ein musikalisches Wunder, das uns noch immer in seinem Bann hält. Doch was macht die bleibende Faszination dieses Komponisten aus, dessen Leben nur 35 Jahre währte und dessen Werk dennoch die Jahrhunderte überdauert?
Die gängige Mozart-Rezeption schwankt zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht das Bild des heiteren Genies, des göttlichen Kindes, das mühelos Meisterwerke schuf, wie andere Menschen atmen. Auf der anderen Seite hat sich seit Peter Shaffers Drama „Amadeus” und Miloš Formans gleichnamiger Verfilmung das Bild eines vulgären, infantilen Mannes etabliert, der trotz – oder gerade wegen – seiner menschlichen Schwächen zu übermenschlicher Kunst fähig war.[2] Beide Deutungen verfehlen jedoch den Kern dessen, was Mozarts Musik und Leben uns theologisch zu sagen haben.
In diesem vorliegenden Artikel möchte ich eine dritte Perspektive entwickeln: Mozart als Theologen der Leichtigkeit, der in seiner Musik eine paradoxe Wahrheit des christlichen Glaubens zum Klingen bringt – nämlich, dass gerade in der Anerkennung unserer Vulnerabilität, unserer Zerbrechlichkeit, jene transzendente Heiterkeit entspringt, die nicht weltflüchtig, sondern weltdurchdringend ist.[3] Diese These führt uns mitten hinein in zentrale Fragen christlicher Anthropologie und Soteriologie: Was bedeutet es, dass der Mensch als imago Dei geschaffen und zugleich radikal endlich ist? Wie verhält sich die Leichtigkeit des Seins zur Schwere der Existenz? Und welche Rolle spielt die Kunst – insbesondere die Musik – als Medium theologischer Erkenntnis?
II. Die theologische Dimension der Leichtigkeit
1. Leichtigkeit als ontologische Kategorie
Wenn wir von „Leichtigkeit” sprechen, so meinen wir zunächst eine ästhetische Qualität: die scheinbare Mühelosigkeit, mit der ein Kunstwerk gestaltet ist, die Transparenz seiner Form, die Eleganz seiner Proportionen. Mozarts Musik gilt vielen als Inbegriff dieser ästhetischen Leichtigkeit. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich, dass diese Kategorie weit über das Ästhetische hinausweist und eine ontologische, ja theologische Dimension besitzt.[4]
In der scholastischen Philosophie, insbesondere bei Thomas von Aquin, finden wir eine Reflexion über das Sein, die uns hier weiterhelfen kann. Thomas unterscheidet zwischen dem esse (dem Sein-Akt) und der essentia (dem Wesen). Das Sein selbst ist für Thomas reine Aktualität, frei von jeder Potentialität und damit von jeder Schwere, die aus dem Noch-nicht-Verwirklichten entspringt.[5] Gott als actus purus, als reine Wirklichkeit, ist in diesem Sinne absolute Leichtigkeit – nicht, weil ihm die Tiefe fehlte, sondern weil in ihm keine Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, zwischen Wesen und Existenz besteht.
Diese thomistische Einsicht hilft uns, Leichtigkeit nicht als Oberflächlichkeit zu verstehen, sondern als Ausdruck höchster Seinsfülle. Je mehr ein Seiendes verwirklicht, was es sein kann, desto „leichter” ist es in einem ontologischen Sinne – nicht, weil es weniger wäre, sondern weil es ganz bei sich selbst ist, ohne den Ballast unerfüllter Potentialität.[6] Romano Guardini, auf den wir noch zurückkommen werden, hat diese Einsicht in seiner Philosophie der Gegensätze weiterentwickelt und gezeigt, wie die scheinbar widersprüchlichen Pole des Daseins – Schwere und Leichtigkeit, Form und Fülle, Nähe und Ferne – in einer höheren Einheit zusammengeführt werden können.[7]
2. Die christliche Paradoxie: Vulnerabilität und Herrlichkeit
Das Christentum bringt nun eine radikale Zuspitzung dieser ontologischen Reflexion: In Jesus Christus, so der Glaube, wird Gott Mensch – der actus purus nimmt die Schwere, die Vulnerabilität, die Endlichkeit des Menschseins auf sich.[8] Das johanneische Christentum, das gerade für Mozarts liturgische Werke zentral ist, formuliert dieses Paradox in der Formel: Et Verbum caro factum est – „Und das Wort ist Fleisch geworden” (Joh 1,14). Das ewige, unveränderliche Wort Gottes wird zum zeitlichen, verwundbaren Menschen.
Doch – und das ist entscheidend – diese Inkarnation bedeutet nicht, dass die Leichtigkeit göttlichen Seins in der Schwere menschlicher Existenz untergeht. Vielmehr offenbart sich gerade in der Vulnerabilität Christi eine neue, tiefere Leichtigkeit: die Leichtigkeit dessen, der nichts festhalten muss, weil er sich ganz verschenken kann; die Heiterkeit dessen, der keine Angst vor dem Tod haben muss, weil er durch ihn hindurch zum Leben gelangt.[9] Paulus bringt diese Paradoxie auf die berühmte Formel: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark” (2 Kor 12,10). Die Anerkennung der eigenen Schwäche, der eigenen Vulnerabilität, wird nicht zum Hindernis der Gottesnähe, sondern zu ihrer Bedingung. Denn wo der Mensch aufhört, sich selbst genügen zu wollen, wo er seine Zerbrechlichkeit annimmt, dort öffnet er sich für jene Gnade, die nicht aus eigener Kraft kommt, sondern geschenkt wird.[10]
Hans Urs von Balthasar, der Schweizer Theologe, hat in seiner Theologischen Ästhetik diese Zusammenhänge meisterhaft entfaltet. Für Balthasar offenbart sich die „Herrlichkeit” (doxa) Gottes gerade nicht in weltlicher Macht und Stärke, sondern in der Selbstentäußerung (Kenose) Christi. [11] Die Schönheit Gottes zeigt sich am Kreuz – und das bedeutet: in der radikalsten Form menschlicher Vulnerabilität. Doch gerade diese gekreuzigte Schönheit ist es, die erlöst, die verwandelt, die zum Leben führt.
3. Leichtigkeit als soteriologische Kategorie
Wenn wir diese theologischen Einsichten auf unser Thema anwenden, ergibt sich: Die Leichtigkeit, von der wir sprechen, ist nicht die Leichtigkeit dessen, der den Ernst des Lebens nicht kennt oder verdrängt. Es ist die Leichtigkeit dessen, der durch die Schwere hindurchgegangen ist und in ihr eine Verwandlung erfahren hat.[12] Es ist die österliche Heiterkeit, die den Karfreitag nicht vergisst, sondern ihn in sich aufgehoben hat.
In der Tradition der christlichen Mystik finden wir diese Einsicht immer wieder formuliert. Meister Eckhart spricht von der „Gelassenheit”, die entsteht, wenn der Mensch alles loslässt – auch und gerade sich selbst. Diese Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit, sondern höchste Freiheit: die Freiheit dessen, der nichts mehr besitzen muss, weil er alles geschenkt bekommt.[13] Teresa von Ávila beschreibt in ihren mystischen Schriften Zustände höchster Freude und Leichtigkeit, die gerade aus der schmerzhaften Erfahrung der eigenen Ohnmacht erwachsen.[14]
Auch in der Benediktinischen Spiritualität, die für Mozarts religiöse Sozialisation bedeutsam war (er komponierte mehrere Werke für die Benediktinerabtei St. Peter in Salzburg), finden wir diese Verbindung von Demut und Heiterkeit. Die humilitas, die Demut, von der die Regel des heiligen Benedikt spricht, ist keine unterwürfige Selbsterniedrigung, sondern die nüchterne Anerkennung der eigenen Geschöpflichkeit – und gerade diese Anerkennung befreit zu jener Leichtigkeit, die aus der Gewissheit erwächst, von Gott geliebt und angenommen zu sein.[15]
III. Mozart als Theologe der Leichtigkeit
1. Biographische Annäherungen
Wolfgang Amadeus Mozart wurde in eine tief katholische Welt hineingeboren. Salzburg war Residenzstadt der Fürsterzbischöfe, die geistliche und weltliche Macht in einer Hand vereinten. Die barocke Frömmigkeit, die Mozart von Kindheit an umgab, war geprägt von theatralischer Pracht, liturgischer Feierlichkeit und zugleich – das ist wichtig – einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit dem Heiligen, die der italienischen Tradition entstammte.[16]
Mozarts Verhältnis zur Religion war, soweit wir es aus Briefen und Zeugnissen rekonstruieren können, komplex. Er war kein Freidenker im Sinne der radikalen Aufklärung, aber auch kein unkritischer Verteidiger kirchlicher Autoritäten. Seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge „Zur Wohltätigkeit” in Wien ab 1784 zeigt, dass er offen war für alternative Formen von Spiritualität, die die Vernunft betonten und humanitäre Ideale über konfessionelle Grenzen hinweg propagierten.[17] Dennoch: Mozarts liturgische Werke – von den frühen Salzburger Messen über das Krönungsmesse KV 317 bis hin zum unvollendeten Requiem KV 626 – zeugen von einer tiefen Vertrautheit mit der katholischen Liturgie und Theologie. Diese Werke sind keine bloßen Auftragsarbeiten eines religiös indifferenten Komponisten, sondern Auseinandersetzungen mit den zentralen Glaubenswahrheiten des Christentums.[18]
Besonders aufschlussreich ist Mozarts berühmter Brief an seinen Vater vom 4. April 1787, in dem er über den Tod schreibt: „Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und tröstendes!”[19] Diese Passage offenbart eine Haltung zum Tod, die weder banal-optimistisch noch tragisch-düster ist, sondern eine reife, durch christlichen Glauben und aufklärerische Vernunft gleichermaßen geprägte Gelassenheit.
2. Die musikalische Gestaltung der Vulnerabilität
Wenn wir nun Mozarts Musik unter dem Aspekt der Vulnerabilität betrachten, so zeigt sich eine faszinierende Dialektik: Seine Werke sind von einer formalen Perfektion, die seinesgleichen sucht – und zugleich durchzogen von Momenten äußerster Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit, ja Verzweiflung. [20]
Nehmen wir als Beispiel die g-Moll-Sinfonie KV 550, eines seiner späten Meisterwerke. Der erste Satz beginnt mit einem Thema von bestürzender Einfachheit und zugleich schmerzlicher Intensität. Die Streicher spielen piano, beinahe zögernd, ein Motiv, das sich in Sekundschritten nach oben quält – es ist, als wolle es sich erheben und fiele doch immer wieder zurück. Die formale Eleganz der Durchführung dieser thematischen Keimzelle verdeckt nicht ihren Schmerz, sondern macht ihn umso deutlicher spürbar. [21] Oder betrachten wir das Adagio aus dem Klarinettenquintett KV 581, geschrieben 1789, zwei Jahre vor Mozarts Tod. Hier entfaltet sich eine Musik von ätherischer Schönheit, die zugleich von tiefer Melancholie durchdrungen ist. Die Klarinette singt eine Melodie, die sich in chromatischen Wendungen nach unten bewegt, als suche sie nach einem Grund, den sie nicht findet. Die Streicher umgeben sie mit zarten Akkorden, die nicht stützen, sondern schweben – eine Musik, die die Erfahrung der Schwerelosigkeit und des Haltlosen zugleich vermittelt. [22]
Besonders eindrücklich wird Mozarts musikalische Gestaltung von Vulnerabilität in seinen Opern. In Le nozze di Figaro ist es die Gräfin Almaviva, die im dritten Akt die Arie Dove sono i bei momenti singt – ein Rückblick auf vergangenes Glück, der schmerzhafter kaum sein könnte. Die Musik beginnt mit einer einfachen, beinahe volksliedhaften Melodie, die jedoch durch harmonische Rückungen und melodische Chromatik eine Tiefe der Empfindung erreicht, die weit über das Sentimentale hinausgeht. Die Gräfin offenbart ihre Verletzlichkeit, ihre Sehnsucht, ihre Enttäuschung – und gerade darin wird sie zur würdevollsten Figur der gesamten Oper. [23]
In Don Giovanni wiederum ist es die Donna Anna, die im zweiten Akt mit Non mi dir eine Arie singt, die zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankt. Die musikalische Gestaltung dieses inneren Konflikts – zwischen Trauer um den ermordeten Vater und Liebe zu Don Ottavio, zwischen dem Wunsch nach Rache und dem Bedürfnis nach Trost – zeigt Mozarts Fähigkeit, psychologische Komplexität in Klang zu verwandeln. Die Vulnerabilität der Figur wird nicht verschleiert, sondern in ihrer ganzen Tiefe ausgelotet. [24]
3. Die Liturgie als Ort der Verwandlung
Mozarts liturgische Werke bieten einen besonderen Zugang zu unserem Thema, denn die Liturgie ist der Ort, an dem die christliche Paradoxie von Tod und Leben, Vulnerabilität und Herrlichkeit, Kreuz und Auferstehung rituell vollzogen wird. [25]
Betrachten wir zunächst die „Große Messe in c-Moll” KV 427, die Mozart 1782/83 komponierte – als Dank für seine Hochzeit mit Constanze, wie er selbst angab. Das Werk blieb unvollendet, doch gerade in seiner Fragmenthaftigkeit offenbart es etwas über Mozarts theologisches Denken. [26] Das Kyrie beginnt mit einem machtvollen, beinahe dramatischen Orchestervorspiel, das sofort in die Tiefen menschlicher Existenz führt. Die Anrufung Kyrie eleison – „Herr, erbarme dich” – ist keine höfliche Bitte, sondern ein Schrei aus der Tiefe. Mozart vertont diesen Text mit einer Intensität, die an Bachs Passionen erinnert. Die chromatischen Linien, die dissonanten Harmonien, das Ringen der verschiedenen Stimmen miteinander – all das vermittelt ein Gefühl existentieller Not. [27]
Doch dann, im „Gloria”, geschieht eine Verwandlung. Nach den düsteren c-Moll-Klängen des „Kyrie” bricht das C-Dur des „Gloria in excelsis Deo” wie ein Sonnenstrahl hervor. Ist das ein abrupter Stimmungswechsel, eine liturgisch konventionelle Geste? Keineswegs. Mozart gestaltet diesen Übergang so, dass er als wirkliche Verwandlung hörbar wird: Die Not des „Kyrie” ist nicht vergessen, aber sie ist aufgehoben in einer höheren Wirklichkeit, die sie nicht leugnet, sondern integriert. [28] Besonders bemerkenswert ist das „Et incarnatus est” aus dem Credo. Hier, bei den Worten „Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et homo factus est” – „Und er ist Fleisch geworden durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden” –, komponiert Mozart eine Musik von berückender Zartheit. Ein Sopransolo schwebt über sanften Streichern, begleitet von einer Oboe, die wie eine Naturstimme klingt. Die Menschwerdung Gottes wird hier nicht als triumphales Ereignis dargestellt, sondern als etwas unfassbar Zartes, Verletzliches: Gott wird ein schutzloses Kind im Schoß einer jungen Frau. [29] Die unvollendete Passage „Et incarnatus est” bricht mitten im Satz ab – Mozart hat sie nie zu Ende komponiert. Manche Interpreten sehen darin ein Symbol: Die Menschwerdung Gottes ist ein Geheimnis, das sich nicht vollständig in Musik fassen lässt. Das Fragment weist über sich hinaus auf eine Wirklichkeit, die alle künstlerische Gestaltung übersteigt. [30]
4. Das Requiem: Die Grenze der Leichtigkeit
Mozarts letztes Werk, das Requiem KV 626, konfrontiert uns mit der Grenze aller Leichtigkeit: dem Tod. Mozart arbeitete an diesem Werk bis zu seinen letzten Lebenstagen im Dezember 1791 und hinterließ es unvollendet. Sein Schüler Franz Xaver Süßmayr vollendete es nach Mozarts Skizzen und mündlichen Anweisungen. [31]
Das „Introitus” beginnt mit einem d-Moll-Akkord in den Streichern, der wie ein dunkler Vorhang niedergeht. Darüber erklingt das „Requiem aeternam dona eis, Domine” – „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe”. Die Musik ist von einer Feierlichkeit, die nicht pompös ist, sondern innerlich, konzentriert. Mozart gestaltet hier nicht das Spektakel des Todes, sondern seine Intimität, seine Nähe. [32] Im „Dies irae” entfesselt sich dann eine Musik von erschütternder Wucht. Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht, von der kosmischen Katastrophe, wird in rasenden Sechzehnteln, in chromatischen Aufwärtsstürmen, in synkopierten Rhythmen hörbar. „Dies irae, dies illa, solvet saeclum in favilla” – „Tag des Zornes, jener Tag, wird die Welt in Asche legen”. Hier scheint die Leichtigkeit endgültig zerstört, die Vulnerabilität des Menschen mündet in totale Vernichtung. [33]
Doch Mozart lässt es nicht dabei bewenden. Im „Recordare” wendet sich das Blatt. Ein Quartett von Solostimmen bittet um Erbarmen: „Recordare, Jesu pie, quod sum causa tuae viae” – „Gedenke, gütiger Jesus, dass ich der Grund deines Weges bin”. Die Musik wird hier wieder lyrisch, beinahe kammermusikalisch. Die Singstimmen verflechten sich in kontrapunktischen Linien, die an Renaissance-Motetten erinnern. Es ist, als würde die alte Ordnung der Polyphonie, das vertrauensvolle Ineinander der Stimmen, die Schrecken des „Dies irae” zurücknehmen.[34]
Im „Lacrimosa” – dem letzten Stück, an dem Mozart selbst gearbeitet hat, bevor er starb – erreicht das Requiem einen Höhepunkt der Intensität. „Lacrimosa dies illa, qua resurget ex favilla judicandus homo reus” – „Tränenreich ist jener Tag, an dem aus der Asche aufersteht, der schuldige Mensch zum Gericht”. Die Musik steigt in chromatischen Seufzerfiguren nach oben, immer wieder ansetzend, immer wieder abbrechend. Mozart komponierte nur acht Takte davon selbst – dann brach sein Leben ab.[35] Dieses Fragment ist von erschütternder Schönheit gerade in seiner Unfertigkeit. Es zeigt die absolute Vulnerabilität des Menschen gegenüber dem Tod – selbst das Genie Mozart konnte sein eigenes Totenrequiem nicht vollenden. Und doch: Auch in dieser Unvollständigkeit liegt eine theologische Wahrheit. Denn das christliche Requiem bittet nicht um ein Ende, sondern um einen Übergang: „Dona eis requiem” – „Gib ihnen Ruhe”. Die Vollendung liegt nicht in menschlicher Hand, sondern in Gottes Hand.[36]
IV. Theologische Reflexion: Die Ästhetik der Gnade
1. Leichtigkeit und Gnade bei Romano Guardini
Um die theologische Dimension von Mozarts Musik tiefer zu erfassen, ist es hilfreich, Romano Guardinis Überlegungen zur Leichtigkeit heranzuziehen. Guardini, der große deutsch-italienische Theologe und Religionsphilosoph, hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich göttliche und menschliche Wirklichkeit zueinander verhalten.[37]
In seinem Werk Der Gegensatz entwickelt Guardini eine Philosophie der polaren Spannungen, die das Dasein durchziehen. Eines dieser Gegensatzpaare ist „Ruhe und Bewegung” – und hier kommt auch die Kategorie der Leichtigkeit ins Spiel. Für Guardini ist wahre Ruhe nicht Starre, sondern die Ruhe in der Bewegung, die Mitte im Fluss. Und umgekehrt ist wahre Bewegung nicht rastlose Unruhe, sondern bewegte Ruhe – eine Dynamik, die aus innerer Fülle erwächst, nicht aus Mangel.[38] Diese Denkfigur lässt sich auf Mozarts Musik übertragen: Seine Leichtigkeit ist keine oberflächliche Bewegtheit, sondern eine Bewegung, die aus innerer Ruhe kommt. Die zahllosen Noten seiner Partituren – die rasenden Läufe, die verschlungenen Melodien, die komplexen Rhythmen – wirken niemals gehetzt oder getrieben, sondern wie ein natürliches Fließen, ein Strömen aus der Fülle.[39]
Guardini entwickelt diese Gedanken weiter in seinen liturgischen Schriften, insbesondere in Vom Geist der Liturgie. Hier reflektiert er über die Zweckfreiheit der Liturgie, die nicht utilitaristisch auf ein Ziel ausgerichtet ist, sondern „Spiel vor Gott” ist – ein Spiel, das gerade in seiner Zweckfreiheit dem eigentlichen Sinn des Daseins näherkommt als alle Zweckrationalität. [40] Diese Zweckfreiheit ist es, die die Leichtigkeit ermöglicht. Wo der Mensch nicht mehr produzieren, leisten, beweisen muss, wo er einfach sein darf – dort kann sich jene Heiterkeit entfalten, die nicht Ergebnis von Anstrengung ist, sondern Geschenk. Die Liturgie ist der Ort, an dem diese Heiterkeit eingeübt wird – und Mozarts Kirchenmusik ist musikalische Liturgie in diesem Sinne.[41]
2. Die Musik als Medium der Gnade: Hans Urs von Balthasar
Hans Urs von Balthasar, der bereits erwähnte Schweizer Theologe, hat in seiner monumentalen Trilogie – Herrlichkeit, Theodramatik, Theologik – eine umfassende Ästhetik des Glaubens entwickelt. Für Balthasar ist die Schönheit nicht ein peripheres Thema der Theologie, sondern ihre zentrale Kategorie: In der Schönheit offenbart sich die Herrlichkeit (doxa) Gottes.[42] Doch Balthasar denkt Schönheit radikal christologisch: Die wahre Schönheit zeigt sich nicht in harmonischer Vollkommenheit, sondern in der gekreuzigten Gestalt Christi. „Dieser Mensch war Gott” – diese Erkenntnis des Hauptmanns unter dem Kreuz (Mk 15,39) ist für Balthasar der Schlüssel zu einer christlichen Ästhetik. Die Schönheit Gottes offenbart sich in der Hässlichkeit des Kreuzes, die Herrlichkeit in der Schmach, die Leichtigkeit in der Schwere des Opfertodes.[43]
Was bedeutet das für unser Verständnis von Mozarts Musik? Es bedeutet, dass ihre Leichtigkeit nicht verstanden werden kann ohne die Dunkelheit, die sie durchzieht. Die g-Moll-Passagen, die chromatischen Wendungen, die dissonanten Akkorde sind nicht Störungen der Schönheit, sondern konstitutive Momente derselben. Sie verweisen auf die Vulnerabilität, das Leiden, die Sterblichkeit – und gerade dadurch ermöglichen sie jene tiefere Schönheit, die nicht lügt über die Wirklichkeit des Lebens.[44]
Balthasar entwickelt auch eine Theologie der musikalischen Form, die hier relevant ist. In seinem Aufsatz Die Würde der Musik schreibt er: „Die Musik ist die einzige Kunst, die rein zeitlich ist und dennoch über die Zeit hinausweist.”[45] Musik entfaltet sich im Nacheinander der Töne, im Vergehen von Klang – und doch schafft sie aus diesem Vergehen eine Gestalt, eine Form, die das Zeitliche transzendiert. Diese paradoxe Struktur der Musik macht sie zu einem privilegierten Medium theologischer Erkenntnis. Denn auch das christliche Heilsgeschehen ist zeitlich – die Menschwerdung, das Leiden, der Tod und die Auferstehung Christi sind Ereignisse in der Geschichte – und doch erschließen sie eine ewige Wahrheit. Die Musik kann diese Struktur hörbar machen: Sie kann das Ewige im Zeitlichen, das Unvergängliche im Vergänglichen zur Darstellung bringen.[46]
3. Die Sakramentalität des Klangs
Die katholische Theologie kennt den Begriff der Sakramentalität: Ein Sakrament ist ein „sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Gnade” (Thomas von Aquin). Im Sakrament wird das Göttliche durch Materielles vermittelt – Wasser, Brot, Wein, gesprochene Worte werden zu Trägern göttlicher Präsenz.[47] Lässt sich dieser sakramentale Gedanke auf die Musik übertragen? Kann Musik selbst sakramental sein – nicht im strengen Sinne der sieben Sakramente der Kirche, aber in einem weiteren Sinne als Medium göttlicher Gegenwart? [48]
Die mittelalterliche Musiktheorie, die auf Pythagoras und Boethius zurückgeht, kannte die Vorstellung einer „musica mundana”, einer Sphärenharmonie, die die göttliche Ordnung des Kosmos widerspiegelt. Die hörbare Musik („musica instrumentalis”) sollte Anteil haben an dieser kosmischen Harmonie und sie für den Menschen erfahrbar machen. [49] Diese Vorstellung ist uns fremd geworden, doch sie enthält einen wichtigen Gedanken: Musik ist nicht nur menschliches Artefakt, sondern kann Verweis sein auf eine Wirklichkeit, die größer ist als der Mensch.
Mozart selbst hat sich in seinen Briefen nie theoretisch über solche Zusammenhänge geäußert. Aber seine Musik spricht eine klare Sprache: Sie ist nicht nur Ausdruck subjektiver Emotion, sondern Gestaltung einer objektiven Ordnung. Die formale Perfektion seiner Werke – die Ausgewogenheit der Proportionen, die Logik der harmonischen Verläufe, die Klarheit der Themenbildung – verweist auf eine Ordnung, die der Komponist nicht erfindet, sondern entdeckt. [50] Zugleich ist Mozarts Musik nie kalt oder abstrakt. Die Ordnung, die sie gestaltet, ist durchdrungen von Empfindung, von Leben, von jenem „Geist”, den Mozart in einem Brief als das Wesentliche der Musik bezeichnet hat.[51] Dieser Geist ist es, der die Form mit Leben erfüllt – und der vielleicht auch als jener Hauch verstanden werden kann, jene pneuma, die in der biblischen Tradition vom Geist Gottes spricht.
V. Die Opern: Menschliche Komödie und göttliche Komödie
1. Die opera buffa als theologische Gattung
Mozarts große Opern – Le nozze di Figaro, Don Giovanni, Così fan tutte, Die Zauberflöte – sind auf den ersten Blick weltliche Werke: Liebesintrigen, gesellschaftliche Satire, moralische Parabeln. Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sie eine theologische Tiefe, die über die bloße Unterhaltung weit hinausgeht.[52]
Die opera buffa, die komische Oper, die Mozart mit Da Ponte zu vollendeter Meisterschaft entwickelt hat, ist eine paradoxe Gattung. Sie behandelt leichte Stoffe – Verwechslungen, Verkleidungen, Verführungen – in musikalisch anspruchsvollster Form. Die Trivialität des Inhalts wird kontrastiert durch die Raffinesse der musikalischen Gestaltung. Dieses Paradox ist nicht Zufall, sondern Programm.[53] Denn die opera buffa erzählt von menschlichen Schwächen, Torheiten, Verfehlungen – und lacht darüber, ohne zu verurteilen. Sie zeigt den Menschen in seiner Vulnerabilität, seiner Fehlbarkeit, seiner Lächerlichkeit – und gerade darin liegt ihre Humanität. Sie verzeiht, ohne zu beschönigen; sie entlarvt, ohne zu zerstören; sie lacht, ohne zu verhöhnen.[54] Diese Haltung hat eine theologische Qualität. Sie erinnert an das, was in der christlichen Tradition als „Nachsicht” oder „Milde” bezeichnet wird – jene göttliche Eigenschaft, die den Sünder nicht verdammt, sondern zur Umkehr einlädt. Die Komödie ist in diesem Sinne eine Gattung der Gnade: Sie zeigt, dass menschliche Schwäche nicht das letzte Wort hat, dass Verwandlung möglich ist, dass am Ende Versöhnung steht.[55]
2. Le nozze di Figaro: Die Gnade der Vergebung
Le nozze di Figaro (1786) ist Mozarts erste große Da Ponte-Oper und zugleich eines der vollkommenen Werke der gesamten Operngeschichte. Die Handlung ist kompliziert und zugleich einfach: Der Graf Almaviva versucht, sein feudales „jus primae noctis” gegenüber der Dienerin Susanna geltend zu machen; sein Diener Figaro, der Susanna heiraten will, versucht, dies zu verhindern; die Gräfin leidet unter der Untreue ihres Mannes; Cherubino, ein junger Page, ist in alle Frauen zugleich verliebt.[56]
Die Musik gestaltet diese Konstellation mit einer psychologischen Differenziertheit, die ihresgleichen sucht. Jede Figur hat ihren eigenen musikalischen Charakter, ihre eigene Art zu singen, ihre eigene emotionale Färbung. Und doch fügen sich alle Stimmen zu einem Ensemble, in dem die individuelle Besonderheit nicht ausgelöscht, sondern aufgehoben wird.[57] Der entscheidende Moment der Oper ist das Finale des vierten Akts. Nach allen Intrigen, Verkleidungen und Verwirrungen steht der Graf vor seiner Frau, die er für Susanna gehalten und der er seine Liebe gestanden hat. Als er seine Täuschung erkennt, erwartet man Skandal, Empörung, Katastrophe. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Die Gräfin vergibt.[58] „Contessa, perdono!” – „Gräfin, Verzeihung!” fleht der Graf. Und sie antwortet: „Più docile io sono, e dico di sì” – „Ich bin nachgiebiger und sage ja”. Diese Vergebung wird musikalisch gestaltet als Moment höchster Einfachheit und Klarheit. Nach dem turbulenten Durcheinander des Finales tritt plötzlich Stille ein, dann erklingt ein C-Dur-Akkord von strahlendem Glanz. Die Vergebung ist nicht mühsam errungen, sondern wird geschenkt – als Gnade, die alle Schuld aufhebt.[59]
Dieser Moment ist theologisch hochsignifikant. Er zeigt Vergebung nicht als moralische Leistung, nicht als Resultat von Reue und Buße, sondern als freies Geschenk, das alle Erwartungen übersteigt. Die Gräfin hätte allen Grund, ihren untreuen Mann zu verstoßen. Dass sie es nicht tut, ist nicht Schwäche, sondern Stärke – die Stärke jener Liebe, die „über alles die Liebe” stellt (Kol 3,14).[60]
3. Don Giovanni: Das Scheitern der Gnade
Während Figaro mit Vergebung und Versöhnung endet, zeigt Don Giovanni (1787) das Gegenteil: die verstockte Weigerung, Gnade anzunehmen. Don Giovanni ist der Archetypus des Verführers, der alle moralischen und religiösen Bindungen abstreift. Er lebt in absoluter Freiheit – und gerade diese Freiheit wird ihm zum Verhängnis.[61] Mozart und Da Ponte bezeichnen das Werk als „dramma giocoso” – als heiteres Drama. Diese Gattungsbezeichnung ist paradox: Wie kann ein Drama, das mit der Höllenfahrt des Protagonisten endet, heiter sein? Die Antwort liegt in der musikalischen Gestaltung. Mozart komponiert keine düstere Moralität, sondern eine Musik von berauschender Vitalität, die selbst die dunkelsten Momente mit Leben erfüllt.[62]
Die berühmte „Champagner-Arie” im ersten Akt ist dafür exemplarisch. Don Giovanni preist die Lebensfreude, den Genuss, die Sinnlichkeit – und die Musik ist von überschäumender Energie. Doch zugleich klingt in dieser Musik etwas Getriebenes, Rastloses, Verzweifeltes mit. Don Giovannis Freiheit ist nicht die Freiheit der Gelassenheit, sondern die Freiheit der Flucht: Er flieht vor der Bindung, vor der Verantwortung, vor sich selbst.[63] Der Schluss der Oper ist theologisch brisant. Der steinerne Gast – die Statue des Komturs, den Don Giovanni am Anfang ermordet hat – erscheint und fordert ihn zur Buße auf. Don Giovanni weigert sich: „No!” ist sein letztes Wort, bevor ihn die Erde verschlingt. Diese Weigerung ist keine heroische Rebellion, sondern verstockte Selbstbehauptung. Don Giovanni kann nicht vergeben werden, weil er die Vergebung nicht annehmen will.[64] Doch Mozart lässt es nicht mit dieser Verdammung bewenden. Nach der erschütternden d-Moll-Szene der Höllenfahrt folgt ein Finale in D-Dur, in dem die übrigen Figuren in bester opera buffa-Manier ihre weiteren Lebenspläne verkünden. „Questo è il fin di chi fa mal” – „Das ist das Ende dessen, der Böses tut”, singen sie. Das Leben geht weiter, die Ordnung ist wiederhergestellt.[65] Manche Interpreten finden diesen Schluss unpassend, zu leicht nach dem Ernst der Verdammungsszene. Doch theologisch gesehen ist er von großer Bedeutung: Das Böse ist nicht das letzte Wort, nicht einmal das Böse Don Giovannis. Die Komödie des Lebens geht weiter, und in dieser Komödie hat auch das Tragische seinen Platz, ohne sie zu zerstören.[66]
4. „Die Zauberflöte”: Initiation und Verwandlung
Die Zauberflöte (1791), Mozarts letztes vollendetes Bühnenwerk, ist ein Sonderfall in seinem Opernschaffen. Es ist keine opera buffa und keine opera seria, sondern ein deutsches Singspiel mit Märchenelementen, philosophischen Anspielungen und freimaurerischen Symbolen.[67] Die Handlung ist vordergründig einfach: Prinz Tamino soll Pamina, die Tochter der Königin der Nacht, befreien. Doch diese scheinbar klare Aufgabe verkehrt sich im Laufe des Stücks in ihr Gegenteil: Die Königin der Nacht erweist sich als Macht der Finsternis, Sarastro, der zunächst als Entführer erscheint, als weiser Führer zum Licht.[68]
Die Zauberflöte ist ein Initiationsdrama: Tamino und Pamina müssen Prüfungen bestehen – Schweigen, Feuer, Wasser –, um in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen zu werden. Diese Prüfungen sind keine willkürlichen Schikanen, sondern Läuterungen, die den Menschen zu seinem wahren Selbst führen.[69] Die theologische Dimension liegt hier offen zutage. Die christliche Taufe ist selbst ein Initiationsritus, der durch Wasser zur Wiedergeburt führt. Die Prüfungen, die Tamino und Pamina bestehen, erinnern an die Läuterung, von der die Mystik spricht – jene „dunkle Nacht der Seele” (Johannes vom Kreuz), durch die der Mensch gehen muss, um zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.[70] Besonders bedeutsam ist die Musik, die die Prüfungen begleitet. Wenn Tamino und Pamina durch Feuer und Wasser gehen, erklingt ein alter protestantischer Choral: „Ach Gott, vom Himmel sieh darein” in der Bearbeitung Bachs. Mozart, der Katholik und Freimaurer, greift hier auf die lutherische Tradition zurück – ein ökumenischer Gestus, der zeigt, dass die Wahrheit, um die es geht, konfessionelle Grenzen übersteigt.[71] Die Musik des Chorals wird von Flöte und Pauken begleitet – die Flöte steht für die Zartheit, die Pauken für den Ernst der Prüfung. Doch beides fügt sich zu einer Musik von paradoxer Heiterkeit: Die Prüfung ist furchtbar und zugleich von Vertrauen durchdrungen, der Weg ist schwer und zugleich leicht, weil er gemeinsam gegangen wird.[72] Am Ende steht die Aufnahme in den Tempel, die mit einem strahlenden Es-Dur-Hymnus gefeiert wird: „Heil sei euch Geweihten!” Die Vulnerabilität ist nicht überwunden, aber verwandelt: Die Liebenden haben die Angst vor Feuer und Wasser verloren, weil sie erkannt haben, dass die Liebe stärker ist als alle Bedrohung.[73]
VI. Die Klavierkonzerte: Dialogische Theologie
1. Das Konzert als Dialog
Mozarts Klavierkonzerte – er komponierte 27 an der Zahl – sind Meisterwerke einer musikalischen Gattung, die auf dem Prinzip des Dialogs beruht. Das Klavier und das Orchester stehen einander gegenüber, nicht als Gegner, sondern als Partner in einem Gespräch, das mal zärtlich, mal leidenschaftlich, mal scherzhaft, mal ernst sein kann.[74] Dieser dialogische Charakter hat eine theologische Dimension. Denn auch das Verhältnis von Gott und Mensch lässt sich als Dialog verstehen – nicht als Monolog Gottes, dem der Mensch nur zu gehorchen hätte, sondern als wirkliches Zwiegespräch, in dem beide Seiten zur Sprache kommen.[75] Die jüdisch-christliche Tradition kennt diese Vorstellung seit der Hebräischen Bibel: Abraham, der mit Gott über Sodom verhandelt (Gen 18); Hiob, der mit Gott rechtet; die Psalmen, in denen Klage, Dank, Bitte an Gott gerichtet werden und Antwort finden. Das Gebet ist Dialog, nicht Monolog – und Mozarts Klavierkonzerte können als musikalische Gebete gelesen werden.[76]
2. Das Konzert in d-Moll KV 466: Die dunkle Nacht
Das Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll KV 466 (1785) ist eines der dramatischsten Werke Mozarts überhaupt. Es beginnt mit einem unruhigen Tremolo der Streicher, über dem das erste Thema hervorbricht – ein aufsteigendes Motiv, das keine Ruhe findet, sondern immer weiter drängt. [77] Wenn das Klavier einsetzt, bringt es zunächst keinen Kontrast, sondern verstärkt die Unruhe. Erst allmählich entwickeln sich zwischen Klavier und Orchester Momente des Innehaltens, der Zärtlichkeit, des Trostes – aber sie bleiben fragil, gefährdet, von der d-Moll-Grundstimmung überschattet.[78] Der langsame Satz, eine Romanze in B-Dur, bringt Entspannung, aber keine endgültige Lösung. Die Melodie, die das Klavier singt, ist von berührender Schönheit, doch sie wird zweimal von einem dramatischen g-Moll-Mittelteil unterbrochen, der die Unruhe des ersten Satzes zurückbringt. [79]
Das Finale kehrt zum d-Moll zurück und steigert die Dramatik noch weiter. Erst in der Coda wendet sich das Blatt: Mozart wechselt überraschend nach D-Dur, und das Konzert endet nicht in Verzweiflung, sondern in einer fragilen, beinahe trotzigen Heiterkeit.[80] Dieses Konzert kann als musikalische Gestaltung der „dunklen Nacht” gelesen werden, von der die Mystik spricht. Es zeigt einen Menschen, der durch Dunkelheit, Verzweiflung, innere Not hindurchgeht – und der am Ende nicht durch eigene Kraft, sondern durch ein unverdientes Geschenk ins Licht gelangt. Der Wechsel nach D-Dur am Schluss ist nicht logisch begründet, nicht psychologisch motiviert – er ist Gnade.[81]
3. Das Konzert in C-Dur KV 467: Die Transfiguration
Das Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur KV 467 (1785), wenige Wochen nach dem d-Moll-Konzert entstanden, zeigt die andere Seite: nicht die Nacht, sondern das Licht; nicht die Vulnerabilität, sondern die Transfiguration.[82] Der erste Satz beginnt mit einem Marsch-Thema von strahlendem C-Dur-Glanz. Das Klavier antwortet mit Kaskaden von Läufen, die wie Licht klingen, das sich in tausend Facetten bricht. Der Dialog zwischen Klavier und Orchester ist hier nicht konfliktreich, sondern spielerisch, ja übermütig.[83] Der berühmte zweite Satz, das Andante in F-Dur, ist von einer Schönheit, die jenseits aller Worte liegt. Die Streicher spielen pizzicato einen pulsierenden Rhythmus, über dem das Klavier eine Melodie entfaltet, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Sie steigt und schwebt, ohne Anstrengung, ohne Schwere – pure Leichtigkeit des Seins.[84] Doch diese Leichtigkeit ist nicht oberflächlich. Die harmonischen Wendungen des Satzes – die unvermuteten Modulationen, die chromatischen Durchgänge – zeigen, dass diese Musik die Dunkelheit kennt, aber nicht in ihr verharrt. Sie ist durch die Dunkelheit hindurchgegangen und hat sie verwandelt.[85] Der dritte Satz kehrt zurück zur Heiterkeit des ersten, aber es ist eine Heiterkeit, die nun durch die Tiefe des Andantes bereichert ist. Das Finale endet in strahlendem C-Dur – nicht als triumphaler Abschluss, sondern als natürliche Vollendung dessen, was am Anfang angelegt war.[86]
VII. Die Kammermusik: Intimität und Transzendenz
1. Die Streichquintette: Das vollkommene Gespräch
Mozarts Streichquintette – sechs an der Zahl – gelten vielen Kennern als seine reifsten Kammermusikwerke. Die Besetzung mit zwei Violinen, zwei Bratschen und Cello ermöglicht einen volleren Klang als das Streichquartett, zugleich aber eine größere Intimität als die Sinfonik.[87] Besonders aufschlussreich für unser Thema ist das Streichquintett in c-Moll KV 406, das Mozart 1787 aus seiner Serenade für Bläser KV 388 arrangierte. Das Werk ist von einer Strenge und Intensität, die an Bachs Musik erinnert. Die fugierte Schreibweise, die Mozart hier verwendet, ist nicht akademisches Handwerk, sondern Ausdruck existentieller Not.[88]
Doch innerhalb dieser Strenge gibt es Momente von erschütternder Zartheit. Im Trio des Menuetts wechselt Mozart nach Es-Dur, und plötzlich öffnet sich ein Raum von paradiesischer Schönheit. Die fünf Stimmen singen ein Lied von solcher Innigkeit, dass man meint, einen Blick in eine andere Welt zu tun.[89] Dieser Wechsel von c-Moll nach Es-Dur ist nicht nur ein technischer Kunstgriff, sondern eine theologische Aussage: Mitten in der Finsternis gibt es Momente der Gnade, Augenblicke, in denen das Licht durchbricht. Diese Momente sind nicht das Ende der Finsternis, aber sie sind Verheißung, dass die Finsternis nicht das letzte Wort hat.[90]
2. Das Klarinettenquintett: Die Ars moriendi
Das Klarinettenquintett in A-Dur KV 581 (1789) entstand zwei Jahre vor Mozarts Tod und ist eines seiner intimsten Werke. Die Klarinette, für deren Virtuosen Anton Stadler Mozart das Werk schrieb, ist ein Instrument von unvergleichlicher Ausdrucksfähigkeit: Sie kann singen wie eine menschliche Stimme, sie kann seufzen, klagen, jubeln. [91]
Das Werk beginnt mit einem Thema solcher Einfachheit, dass man es kaum glauben kann: Ein A-Dur-Dreiklang, langsam entfaltet, von den Streichern gestützt. Doch in dieser Einfachheit liegt eine Welt von Empfindung. Es ist, als würde Mozart hier ans Ende allen Komponierens kommen: Was bleibt, wenn alle Komplexität abgestreift ist? Der einfache Dreiklang, das Fundament aller Musik – und in ihm eine unendliche Tiefe. [92] Das Adagio, von dem bereits die Rede war, ist eine der berührendsten Klagegesänge der gesamten Musikliteratur. Die Klarinette singt über einem Streicherteppich, der mehr Nebel ist als fester Grund. Die Melodie tastet sich voran, sucht nach Halt, findet ihn nicht – oder doch, aber nur für Momente, bevor er wieder entgleitet. [93]
Dieses Adagio kann als „Ars moriendi” gelesen werden, als Kunst des Sterbens. Die mittelalterliche Tradition kannte die „Artes moriendi”, Anleitungen zum guten Sterben, die dem Menschen helfen sollten, sich auf den Tod vorzubereiten. Mozarts Adagio ist eine musikalische Ars moriendi: Es zeigt einen Menschen, der sich dem Tod nähert, der seine Verletzlichkeit akzeptiert, der loslässt – und gerade im Loslassen zu einer Freiheit gelangt, die vorher nicht möglich war. [94] Das Finale kehrt zurück zur Heiterkeit des A-Dur, aber es ist eine Heiterkeit, die das Adagio nicht vergessen hat. Die Variationen, die Mozart über ein einfaches Thema entfaltet, zeigen alle Facetten menschlicher Empfindung – von überschäumender Lebensfreude bis zu tiefer Melancholie. Am Ende steht keine Synthese, keine Lösung, sondern ein Nebeneinander: Das Leben in seiner ganzen Fülle, mit all seinen Widersprüchen. [95]
VIII. Die Sinfonien: Kosmische Ordnung und menschliches Maß
1. Die Jupiter-Sinfonie: Die Ordnung der Schöpfung
Mozarts letzte Sinfonie, die Nr. 41 in C-Dur KV 551, trägt den Beinamen „Jupiter” – nicht von Mozart selbst vergeben, aber dennoch treffend. Denn dieses Werk ist von einer Erhabenheit, die tatsächlich an den höchsten römischen Gott erinnert. [96] Der erste Satz beginnt mit einer Geste von herrschaftlicher Würde: Ein C-Dur-Akkord, fortissimo, von allen Instrumenten gespielt. Doch dann, nach wenigen Takten, wechselt die Musik ins Piano, wird intim, beinahe zärtlich. Diese Dialektik von Erhabenheit und Intimität durchzieht die gesamte Sinfonie. [97] Das Finale ist eines der komplexesten Stücke, die Mozart je komponiert hat. Er verwendet hier fünf verschiedene Themen und verwebt sie in einer fünfstimmigen Fuge von atemberaubender Kunstfertigkeit. Alle fünf Themen erklingen gleichzeitig, ohne dass die Klarheit verloren ginge – ein Wunder kontrapunktischer Meisterschaft. [98]
Doch diese Komplexität ist nicht Selbstzweck. Sie ist musikalische Darstellung der göttlichen Ordnung, in der alles seinen Platz hat, in der die Vielfalt nicht im Chaos mündet, sondern in Harmonie. Die verschiedenen Stimmen – man könnte sagen: die verschiedenen Geschöpfe – behalten ihre Eigenständigkeit und fügen sich doch zu einem Ganzen. [99] Diese Vorstellung einer geordneten Vielfalt hat theologische Wurzeln. Die christliche Schöpfungstheologie spricht von der „ordinatio ad unum”, der Hinordnung aller Dinge auf das Eine, auf Gott. Die Schöpfung ist nicht chaotisch, sondern kosmos, Ordnung – und doch ist diese Ordnung nicht gleichförmig, sondern differenziert, bunt, lebendig. [100]
2. Die g-Moll-Sinfonie: Der Schmerz der Endlichkeit
Im Kontrast zur strahlenden Jupiter-Sinfonie steht die bereits erwähnte Sinfonie Nr. 40 in g-Moll KV 550 (1788). Während die Jupiter-Sinfonie kosmische Ordnung gestaltet, zeigt die g-Moll-Sinfonie menschliches Leiden. [101] Das erste Thema, das bereits erwähnt wurde, ist von einer Melancholie, die unter die Haut geht. Es ist keine verzweifelte Klage, keine hysterische Anklage, sondern ein leiser, beharrlicher Schmerz. Die Wiederholungen des Motivs wirken nicht redundant, sondern wie ein Kreisen um einen Punkt, der nicht erreicht werden kann. [102]
Der langsame Satz, ein Andante in Es-Dur, bringt Trost, aber keinen endgültigen. Die Melodie ist von berührender Schönheit, doch sie ist fragil, gefährdet. Immer wieder drohen dunkle Harmonien, sie zu überschatten. [103] Im Finale kehrt das g-Moll mit voller Wucht zurück. Die Musik treibt voran, getrieben von einer Unruhe, die keine Ruhe findet. Es gibt Momente von Entspannung, aber sie sind kurz, flüchtig. Am Ende steht keine Erlösung, keine Transfiguration – sondern ein abruptes Schweigen. [104] Diese Sinfonie ist Mozarts musikalische Auseinandersetzung mit dem, was die Existenzphilosophie später die „Geworfenheit” des Menschen nennen wird: die Erfahrung, in eine Welt geworfen zu sein, die man sich nicht ausgesucht hat, konfrontiert mit Bedingungen, die man nicht ändern kann. Die g-Moll-Sinfonie gestaltet diese Erfahrung nicht theoretisch, sondern existentiell: als durchlebten Schmerz. [105] Doch – und das ist entscheidend – dieser Schmerz wird nicht verherrlicht, nicht zum metaphysischen Prinzip erhoben. Er bleibt menschlicher Schmerz, begrenzt, endlich. Die Tatsache, dass Mozart kurz nach dieser düsteren g-Moll-Sinfonie die strahlende Jupiter-Sinfonie komponierte, zeigt: Der Schmerz ist eine Wahrheit des menschlichen Lebens, aber nicht die einzige Wahrheit. [106]
IX. Epilog: Die Leichtigkeit als Gabe und Aufgabe
1. Die Vulnerabilität annehmen
Am Ende unserer Wanderung durch Mozarts Werk stellt sich die Frage: Was können wir heute, im 21. Jahrhundert, von diesem Komponisten lernen, der vor 270 Jahren geboren wurde und vor 235 Jahren starb? [107] Die erste und wichtigste Lektion ist vielleicht diese: Wir müssen unsere Vulnerabilität annehmen. Die moderne Welt, geprägt von Leistungsdenken und Selbstoptimierung, will uns glauben machen, dass Schwäche überwunden werden muss, dass Verletzlichkeit ein Makel ist. Mozart zeigt uns: Das Gegenteil ist wahr. [108]
Gerade in der Anerkennung unserer Zerbrechlichkeit liegt die Möglichkeit jener Leichtigkeit, die nicht Flucht vor der Realität ist, sondern Versöhnung mit ihr. Wer akzeptiert, dass er nicht allmächtig ist, dass er nicht alles kontrollieren kann, dass er sterblich ist – der kann aufhören, sich ständig beweisen zu müssen. Er kann loslassen. Und im Loslassen entsteht Raum für jene Heiterkeit, die nicht erkämpft, sondern geschenkt wird.[109] Diese Einsicht ist nicht nur individuell bedeutsam, sondern auch gesellschaftlich. Eine Gesellschaft, die Vulnerabilität als Schwäche stigmatisiert, wird hart, gnadenlos, unmenschlich. Eine Gesellschaft, die Vulnerabilität als Teil des Menschseins anerkennt, kann mitfühlend, solidarisch, human sein.[110]
2. Die Schönheit als Weg zur Wahrheit
Die zweite Lektion betrifft die Rolle der Kunst, insbesondere der Musik, in unserem Leben. In einer Zeit, die Kunst oft entweder als reine Unterhaltung oder als elitäres Bildungsgut versteht, erinnert uns Mozart daran, dass Kunst ein Erkenntnismedium ist.[111] Mozarts Musik denkt nicht über das Leben nach – sie ist gelebtes Leben in Klangform. Sie argumentiert nicht für eine These – sie zeigt eine Wahrheit. Diese Wahrheit lässt sich nicht in Begriffe übersetzen, nicht in Propositionen fassen. Sie muss gehört, erfahren, durchlebt werden.[112] Hans Urs von Balthasar hat recht: Die Schönheit ist nicht ein Anhängsel der Theologie, sondern ihr Ausgangspunkt. Denn die Schönheit ist es, die den Menschen ergreift, bevor er begriffen hat. Die Schönheit ist es, die anzieht, bevor Argumente überzeugt haben. Und die Schönheit ist es, die verwandelt, bevor die Moral gefordert hat.[113] In diesem Sinne ist Mozarts Musik Theologie – nicht als Lehrsystem, sondern als Weg der Erkenntnis. Sie führt uns zur Wahrheit über den Menschen, über die Welt, über Gott, indem sie uns diese Wahrheit erleben lässt.[114]
3. Die Heiterkeit als eschatologische Hoffnung
Die dritte und letzte Lektion ist vielleicht die wichtigste: Die Heiterkeit, von der Mozarts Musik durchdrungen ist, ist keine naive Weltflucht, sondern eschatologische Hoffnung.[115] „Eschatologisch” meint: bezogen auf das Ende, auf die Vollendung. Die christliche Hoffnung richtet sich auf eine Zukunft, in der alle Tränen getrocknet sein werden (Offb 21,4), in der der Tod besiegt ist (1 Kor 15,26), in dem Gott „alles in allem” sein wird (1 Kor 15,28). Diese Hoffnung ist nicht Vertröstung auf ein fernes Jenseits, sondern Kraft für das Heute.[116]
Mozarts Heiterkeit ist eschatologische Heiterkeit in diesem Sinne: Sie lebt aus der Gewissheit, dass die Dunkelheit nicht das letzte Wort hat. Sie kennt die Dunkelheit, geht durch sie hindurch, aber bleibt ihr nicht verhaftet. Sie ist Vorgeschmack jener Vollendung, in der alle Vulnerabilität geheilt, alle Tränen getrocknet, aller Schmerz verwandelt sein wird.[117] Diese Heiterkeit ist keine billige Vertröstung. Sie nimmt das Leiden ernst – wie ernst, zeigen Mozarts g-Moll-Werke, zeigt das Requiem, zeigt das d-Moll-Klavierkonzert. Aber sie lässt sich vom Leiden nicht das letzte Wort diktieren. Sie beharrt darauf, dass es mehr gibt als Schmerz, dass das Leben mehr ist als Leiden, dass die Schönheit stärker ist als die Hässlichkeit.[118]
4. Mozart heute: Ein Vermächtnis für unsere Zeit
Was bedeutet das alles für uns heute, im Jahr 2026, 270 Jahre nach Mozarts Geburt? Die Welt hat sich radikal verändert seit seiner Zeit. Die technologische Entwicklung, die globale Vernetzung, die ökologischen Krisen, die politischen Umbrüche – all das konnte Mozart nicht vorhersehen.[119] Und doch: Die Grundfragen des Menschseins sind dieselben geblieben. Wie gehen wir um mit unserer Sterblichkeit? Wie finden wir Sinn in einer Welt, die oft sinnlos erscheint? Wie können wir glücklich sein, ohne das Leiden zu verdrängen? Wie können wir lieben, ohne Angst vor Verletzung zu haben?[120] Mozarts Musik gibt auf diese Fragen keine theoretischen Antworten, aber sie zeigt Wege. Sie zeigt, wie Leichtigkeit und Schwere, Heiterkeit und Trauer, Vulnerabilität und Transzendenz zusammengehören. Sie zeigt, dass der Mensch mehr ist als sein Leiden, aber auch mehr ist als seine Erfolge. Sie zeigt, dass wahre Größe nicht in der Verleugnung der Schwäche liegt, sondern in ihrer Verwandlung.[121]
In einer Zeit, die oft von Pessimismus und Zynismus geprägt ist, brauchen wir Mozarts Heiterkeit. Nicht als Flucht vor der Realität, sondern als Kraft zur Verwandlung. Nicht als billigen Optimismus, sondern als begründete Hoffnung. Nicht als Verdrängung des Schmerzes, sondern als Vertrauen darauf, dass der Schmerz nicht das letzte Wort hat.[122] Mozart ist kein Heiliger, kein Prophet, kein Theologe im akademischen Sinne. Aber er ist ein Zeuge jener Wahrheit, die das Christentum verkündet: dass das Leben stärker ist als der Tod, dass die Liebe stärker ist als die Angst, dass die Gnade stärker ist als die Schuld. Und diese Zeugenschaft erklingt in jedem Takt seiner Musik.[123]
5. Coda: Die unvollendete Melodie
Meine Gedanken begannen mit einem Paradox: Wie kann aus der Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins eine Heiterkeit erwachsen, die nicht Verdrängung, sondern Verklärung ist? Wir haben gesehen, wie Mozart dieses Paradox in seiner Musik gestaltet: nicht als theoretisches Problem, sondern als gelebte Erfahrung.[124]
Die Leichtigkeit des Seins, die in Mozarts Musik erklingt, ist keine natürliche Gegebenheit, sondern eine errungene Gnade. Sie setzt voraus, dass der Mensch seine Vulnerabilität annimmt, durch die Dunkelheit hindurchgeht, loslässt – und sich dann beschenken lässt von jener Heiterkeit, die nicht aus eigener Kraft kommt, sondern geschenkt wird.[125] Diese Heiterkeit ist zerbrechlich, gefährdet, vorläufig. Sie ist kein Besitz, den man festhalten könnte, sondern ein Geschenk, das immer neu empfangen werden muss. Sie ist wie eine Melodie, die nie zu Ende ist, die immer weiterklingt, die uns begleitet auf unserem Weg durch das Leben – und vielleicht darüber hinaus.[126] Mozart selbst hat diese Melodie nicht zu Ende komponiert. Sein Leben brach ab mitten im Schaffen, das Requiem blieb Fragment, das „Lacrimosa” endet nach acht Takten. Doch vielleicht ist gerade diese Unvollständigkeit die tiefste Wahrheit seines Werks: Dass das Leben Fragment bleibt, dass die Vollendung nicht in unserer Hand liegt, dass wir angewiesen sind auf eine Gnade, die größer ist als wir.[127]
In diesem Sinne ist Mozarts Musik nicht nur Kunst, sondern Gebet. Nicht als bewusste Hinwendung zu Gott, die Mozart vielleicht gar nicht immer intendierte. Sondern als Grundhaltung des Lebens: als Offenheit für das Geschenk, als Bereitschaft zum Empfangen, als Vertrauen darauf, dass die unvollendete Melodie unseres Lebens vollendet werden wird – nicht durch uns, sondern durch jenen, der der Anfang und das Ende ist, das Alpha und das Omega.[128] So klingt Mozarts Musik weiter, 270 Jahre nach seiner Geburt, 235 Jahre nach seinem Tod. Sie klingt in Konzertsälen und Kirchen, auf Tonträgern und in Streams, in den Herzen derer, die sich ihr öffnen. Und in diesem Klingen ist etwas gegenwärtig, das größer ist als die Musik selbst: jene Hoffnung, die das Christentum verkündet, dass am Ende nicht der Tod steht, sondern das Leben; nicht die Dunkelheit, sondern das Licht; nicht die Schwere, sondern die Leichtigkeit dessen, der sagen kann: „Meine Bürde ist leicht” (Mt 11,30).[129]
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Fussnoten
[1]: Zur Biographie Mozarts vgl. Maynard Solomon, Mozart. A Life, New York 1995; Volkmar Braunbehrens, Mozart in Wien, München 1986.
[^2]: Peter Shaffer, Amadeus, London 1980; Film: Miloš Forman, Amadeus, USA 1984.
[^3]: Zum theologischen Begriff der Vulnerabilität vgl. Brian Brock/John Swinton (Hg.), Disability in the Christian Tradition. A Reader, Grand Rapids 2012.
[^4]: Romano Guardini, Das Wesen des Kunstwerks, in: Ders., Die Unterscheidung des Christlichen. Gesammelte Studien 1923-1963, Mainz 1963, 321-367.
[5]: Thomas von Aquin, Summa theologiae I, q. 3, a. 1-8 (De simplicitate Dei).
[6]: Josef Pieper, Die Wirklichkeit und das Gute, München 1949, bes. 34-52.
[7]: Romano Guardini, Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten, Mainz 1925.
[8]: Hans Urs von Balthasar, Theodramatik III: Die Handlung, Einsiedeln 1980, 149-288.
[9]: Karl Rahner, Zur Theologie des Todes, Freiburg 1958.
[10]: Vgl. auch 2 Kor 4,7: „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.”
[11]: Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik, Bd. I: Schau der Gestalt, Einsiedeln 1961, bes. 111-181.
[^12]: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg 2011, bes. 228-283.
[13]: Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, hg. von Josef Quint, München 1955, Predigt 52 („Beati pauperes spiritu”).
[14]: Teresa von Ávila, Die innere Burg, übers. von Fritz Vogelgsang, Zürich 1979.
[15]: RB 7 (De humilitate); vgl. Aquinata Böckmann, Perspektiven der Regula Benedicti, St. Ottilien 1996, 201-228.
[16]: Zur religiösen Kultur Salzburgs vgl. Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Wien 1994, 23-89.
[^17]: Zur Freimaurerei Mozarts vgl. H. C. Robbins Landon, Mozart and the Masons, London 1982.
[^18]: Karl Gustav Fellerer, Mozarts Kirchenmusik, Salzburg 1955.
[^19]: Brief an Leopold Mozart, 4. April 1787, in: Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe, hg. von der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg, gesammelt von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch, Bd. IV, Kassel 1963, 35.
[^20]: Zur Dialektik in Mozarts Musik vgl. Hermann Abert, W. A. Mozart. Neubearbeitete und erweiterte Ausgabe von Otto Jahns Mozart, 2 Bde., Leipzig 1919-1921.
[^21]: Charles Rosen, The Classical Style. Haydn, Mozart, Beethoven, New York 1971, 221-289.
[^22]: Zur Bedeutung des Adagios vgl. Alfred Einstein, Mozart. Sein Charakter – sein Werk, Frankfurt 1968, 265-278.
[^23]: Zu den Da Ponte-Opern vgl. Stefan Kunze, Mozarts Opern, Stuttgart 1984, 199-298.
[^24]: Zum psychologischen Realismus in Don Giovanni vgl. Søren Kierkegaard, Entweder – Oder, Teil I, hg. von Hermann Diem und Walter Rest, München 1975, 81-165.
[^25]: Romano Guardini, Vom Geist der Liturgie, Freiburg 1918; Josef Andreas Jungmann, Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe, 2 Bde., Wien 1948.
[^26]: Christoph Wolff, Mozarts Requiem. Geschichte, Musik, Dokumente, Partituren, München 1991.
[^27]: Zur c-Moll-Messe vgl. H. C. Robbins Landon, 1791: Mozarts Last Year, London 1988, 42-58.
[^28]: Rudolf Flotzinger/Gernot Gruber (Hg.), Musikgeschichte Österreichs, Bd. 2, Graz 1979, 201-234.
[^29]: Karlheinz Schlager, „Et incarnatus est”. Zur Symbolik in Mozarts Vertonung, in: Mozart-Jahrbuch 1973/74, Kassel 1975, 146-153.
[^30]: Luigi Dallapiccola, Parole e musica, Mailand 1980, 201-219 (zum Fragment als Form).
[^31]: Christoph Wolff (Hg.), Mozarts Requiem KV 626. Neue Ausgabe sämtlicher Werke I/1/2, Kassel 1965.
[^32]: Wolfgang Hildesheimer, Mozart, Frankfurt 1977, bes. 365-381.
[^33]: Elias Canetti, Masse und Macht, Hamburg 1960, 269-287 (zur apokalyptischen Imagination).
[34]: Zur kontrapunktischen Anlage vgl. Alfred Mann, The Study of Fugue, New Brunswick 1958, 156-178.
[35]: Constanze Mozart über Mozarts letzte Tage, zit. nach Otto Erich Deutsch, Mozart. Die Dokumente seines Lebens, Kassel 1961, 424-426.
[36]: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik III/2: Die Lehre von der Schöpfung, Zürich 1948, § 47 (Das Leben als Gottes Gabe).
[37]: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Romano Guardini. Konturen des Lebens und Spuren des Denkens, Mainz 1985.
[38]: Romano Guardini, Der Gegensatz (Anm. 7), 89-112.
[^39]: Zur Fließenden Form vgl. Ernst Kurth, Musikpsychologie, Berlin 1931, 201-267.
[^40]: Romano Guardini, Vom Geist der Liturgie (Anm. 25), 54-77 („Der Ernst des Spieles”).
[^41]: JOSEF PIEPER, Zustimmung zur Welt. Eine Theorie des Festes, München 1963.
[^42]: Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit (Anm. 11), Bd. I, 9-214.
[^43]: Hans Urs von Balthasar, Theodramatik III (Anm. 8), 227-302 („Die Kenose”).
[^44]: Paul Claudel, L’Œil écoute, Paris 1946 (zur paradoxen Schönheit).
[^45]: Hans Urs von Balthasar, Die Würde der Musik, in: Ders., Pneuma und Institution, Einsiedeln 1974, 394-412, hier 397.
[^46]: Vladimir Jankélévitch, La musique et l’ineffable, Paris 1961.
[^47]: Thomas von Aquin, Summa theologiae III, q. 60, a. 1 („De definitione sacramenti”).
[^48]: Karl Rahner, Kirche und Sakramente, Freiburg 1960.
[^49]: Boethius, De institutione musica, hg. von Gottfried Friedlein, Leipzig 1867; Leo Schrade, Die Stellung der Musik in der Philosophie des Boethius, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 41 (1932), 368-400.
[^50]: Heinrich Schenker, Der freie Satz, Wien 1935 (zur organischen Form in Mozarts Werken).
[^51]: Brief an seinen Vater, 28. September 1778, in: Mozart. Briefe (Anm. 19), Bd. II, 495.
[^52]: Zur Theologie der Oper vgl. Peter Kivy, Osmin’s Rage. Philosophical Reflections on Opera, Drama, and Text, Princeton 1988.
[^53]: Voltaire, Candide ou l’Optimisme, Genf 1759 (als Parallele zur opera buffa).
[^54]: Hugo von Hofmannsthal, Die Ironie der Dinge, in: Ders., Gesammelte Werke. Reden und Aufsätze I, Frankfurt 1979, 159-164.
[^55]: Dante Alighieri, Divina Commedia (Commedia als Gnadentheologie).
[^56]: Lorenzo Da Ponte, Le nozze di Figaro. Libretto nach Beaumarchais, in: Stefan Kunze, Mozarts Opern (Anm. 23), 489-542.
[^57]: Edward J. Dent, Mozart’s Operas. A Critical Study, London 1913, 102-143.
[^58]: Act IV, Finale, T. 457-465.
[^59]: Zur Vergebungsszene vgl. Ivan Nagel, Autonomie und Gnade. Über Mozarts Opern, München 1985, 45-72.
[^60]: Hans Urs von Balthasar, Glaubhaft ist nur Liebe, Einsiedeln 1963.
[^61]: Søren Kierkegaard, Entweder – Oder (Anm. 24), 81-165 („Die unmittelbaren erotischen Stadien”).
[^62]: E. T. A. Hoffmann, Don Juan, in: Ders., Fantasiestücke in Callots Manier, Bamberg 1814.
[^63]: Champagner-Arie (Act I, Sc. 15): „Fin ch’han dal vino calda la testa.”
[^64]: Act II, Finale: „No, no, ch’io non mi pento, vanne lontan da me!”
[^65]: Ensemble-Finale nach der Höllenfahrt: „Questo è il fin di chi fa mal.”
[^66]: Zur Deutung des Schlusses vgl. Charles Rosen, The Classical Style (Anm. 21), 289-327.
[^67]: Emanuel Schikaneder, Die Zauberflöte. Libretto, hg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, München 1978.
[^68]: Jan Assmann, Die Zauberflöte. Oper und Mysterium, München 2005.
[^69]: Mircea Eliade, Initiation, rites, sociétés secrètes, Paris 1959.
[^70]: Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht, übers. von Irene Behn, Einsiedeln 1957.
[^71]: Act II, Finale: Choral „Ach Gott, vom Himmel sieh darein” über dem Cantus firmus.
[^72]: Jacques Chailley, La Flûte enchantée, opéra maçonnique, Paris 1968.
[^73]: Schlusschor: „Heil sei euch Geweihten!” (T. 617ff.).
[^74]: Zur Gattung des Klavierkonzerts vgl. Arthur Hutchings, A Companion to Mozart’s Piano Concertos, London 1948.
[^75]: Martin Buber, Ich und Du, Leipzig 1923; Emmanuel Lévinas, Totalité et infini, Den Haag 1961.
[^76]: Claus Westermann, Lob und Klage in den Psalmen, Göttingen 1977.
[^77]: Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466, 1. Satz, T. 1-16.
[^78]: Cuthbert Girdlestone, Mozart and his Piano Concertos, London 1948, 201-234.
[^79]: 2. Satz (Romanze), T. 70-94 (g-Moll-Episoden).
[^80]: 3. Satz, Coda ab T. 358 (Wechsel nach D-Dur).
[^81]: Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht (Anm. 70), Erstes Buch, Kap. 1-13.
[^82]: Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467.
[^83]: 1. Satz, T. 1-28.
[^84]: 2. Satz (Andante), T. 1-12.
[^85]: Alfred Brendel, Nachdenken über Musik, München 1982, 45-67 (zu Mozarts langsamen Sätzen).
[^86]: 3. Satz, T. 367-397 (Schluss).
[^87]: Zu den Streichquintetten vgl. A. Hyatt King, Mozart String and Wind Concertos, London 1968.
[^88]: Streichquintett c-Moll KV 406, 1. Satz (Allegro), T. 1-47.
[^89]: Menuetto, Trio in Es-Dur, T. 37-68.
[^90]: Theodor W. Adorno, Fragment über Musik und Sprache, in: Ders., Quasi una fantasia, Frankfurt 1963, 251-256.
[^91]: Klarinettenquintett A-Dur KV 581.
[^92]: 1. Satz (Allegro), T. 1-8.
[^93]: 2. Satz (Larghetto), T. 1-24.
[^94]: Zu den Artes moriendi vgl. Philippe Ariès, Geschichte des Todes, München 1980, 183-234.
[^95]: 4. Satz (Allegretto con variazioni), Var. I-V und Coda.
[^96]: Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551 („Jupiter”).
[^97]: 1. Satz (Allegro vivace), T. 1-24.
[^98]: 4. Satz (Molto allegro), T. 372-423 (Schlussfuge mit allen fünf Themen).
[^99]: Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles III, cap. 64 („Quod Deus est finis omnium”).
[^100]: Vgl. auch Weish 11,20: „Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.”
[^101]: Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550.
[^102]: 1. Satz (Molto allegro), T. 1-9.
[^103]: 2. Satz (Andante), T. 1-33.
[^104]: 4. Satz (Allegro assai), T. 282-299 (Schluss).
[^105]: Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1927, § 38 („Die Geworfenheit”).
[^106]: Zur Dialektik der Stimmungen vgl. Emil Staiger, Grundbegriffe der Poetik, Zürich 1946.
[^107]: Geboren 27. Januar 1756; gestorben 5. Dezember 1791.
[108]: Brené Brown, Daring Greatly. How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead, New York 2012.
[^109]: Simone Weil, La pesanteur et la grâce, Paris 1947 (Schwerkraft und Gnade).
[^110]: Alasdair MacIntyre, Dependent Rational Animals. Why Human Beings Need the Virtues, Chicago 1999.
[^111]: Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1960, bes. 44-160 (zur ästhetischen Erfahrung).
[^112]: Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt 1970.
[113]: Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit (Anm. 11), Bd. I, 117-127 („Das Ereignis der Schönheit”).
[114]: Paul Claudel, „La Messe là-bas”, in: Ders., Œuvres poétiques, Paris 1967, 573-587.
[115]: Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, München 1964.
[116]: Joseph Ratzinger, Eschatologie – Tod und ewiges Leben, Regensburg 1977.
[117]: Pierre Teilhard de Chardin, Le Milieu Divin, Paris 1957.
[118]: Dorothee Sölle, Leiden, Stuttgart 1973.
[119]: Zur Aktualität Mozarts vgl. Norbert Elias, Mozart. Zur Soziologie eines Genies, Frankfurt 1991.
[120]: Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, München 1979.
[121]: Hans Küng, Musik und Religion, München 2006, bes. 89-134 (zu Mozart).
[122]: Josef Pieper, Hoffnung und Geschichte, München 1967.
[123]: Karl Barth über Mozart, in: Wolfgang Amadeus Mozart. 1756/1956, Zürich 1956, 9-17.
[124]: Gabriel Marcel, Homo viator. Prolégomènes à une métaphysique de l’espérance, Paris 1944.
[125]: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1951, bes. 218-244.
[126]: Paul Celan, „Engführung”, in: Ders., Die Gedichte, Frankfurt 2003, 197-204.
[127]: Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Frankfurt 1921, Dritter Teil, Drittes Buch.
[128]: Offb 1,8; 22,13.
[129]: Mt 11,28-30: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid […] denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.”Zusammenfassung: Mozart und die Theologie der Leichtigkeit
Zentrale These:\ Der Essay interpretiert Mozart als "Theologen der Leichtigkeit". Seine Musik wird als Ausdruck einer transzendenten Heiterkeit verstanden, die aus der Anerkennung menschlicher Vulnerabilität und Endlichkeit erwächst. Diese Leichtigkeit ist nicht oberflächlich, sondern tiefgründig und theologisch begründet.
Von der Imagination zur Virtualität - Mediale Vernunft
Virtualität löst die Imagination ab. Im Cyberspace entsteht bzw. aktualisiert sich eine virtuelle Gesellschaft, die nicht mehr als Kopie der “wirklichen Wirklichkeit” gelten kann. “Wozu nützt denn die ganze Erfahrung? - Ich will es dir sagen, Leser, sagst du mir, wozu die Wirklichkeit nützt”, provoziert Schiller in den Xenien. Wie stehen Dichtung und Wirklichkeit zueinander? Fällt Dichtung hinter die Wirklichkeit zurück, revitalisiert unzulänglich in einem Reich der Ideen, was längst unhintergehbare Form geworden ist?
Von Daniel M. Bühlmann (Text)
Das Paradox wird entschärft mit dem Wissen, dass jede Wirklichkeit die Summe der Tatsachen ist, die nicht nur im menschlichen Bewusstsein entstehen, sondern auch interpretiert werden müssen, um eine Wahrnehmung dieser Wirklichkeit zu eröffnen. Paul Valéry warnt, “mit zunehmender Annäherung an das Reale verliert man das Wort” (vgl. Cahiers I, 1987, 482). Das imaginäre geriet als voraufklärerisches Moment, als Relikt der Vermischung von Innen- und Außenwelt in Verruf, obwohl immerhin Immanuel Kant die Einbildungskraft zur "reinen Form aller möglichen Erkenntnis" gemacht hat.
Martin Heidegger verwies darauf, dass die zweite Auflage der Kritik der reinen Vernunft sich für den reinen Verstand gegen die reine Einbildungskraft entschieden habe, um die Vorherrschaft der Vernunft nicht zu gefährden. Die Vernunft sollte die Welt entzaubern, um zu einer Wirklichkeit jenseits der delirierenden Einfälle einer rauschenden Einbildungskraft vorzudringen.
Von der dichterischen Lobpreisung der Schöpfung bis zur reinen Poesie beobachten wir eine Konkurrenz von Wirklichkeitsbegriffen, die Dichter immer wieder in ihrer Wirklichkeitskonstruktion glaubten, für sich in Anspruch nehmen zu können. Der Dichter ergänzt somit das esse est percipi um eine unhintergehbare Form. Das von der Vernunft verdrängte Imaginäre betritt so immer wieder mit Macht und in neuen Verwandlungen die Szene und behauptet, die Wirklichkeit jenseits eines unreflektierten Realismus zu schöpfen.
Imagination und Vernunft sind in der Dichtung keine diskreten Größen, sondern stellen die Wirklichkeit als das virtuelle Spannungsfeld dar, das sich nicht in vernünftiger Rekonstruktion erschöpft. Wirklich und unwirklich, auch das Unwirkliche ist in der Wirklichkeit des Bewusstseins eine logische Größe, um überhaupt Unterscheidungen in der Wirklichkeit treffen zu können.
Imagination, Fiktion oder Träume können dem Unwirklichen zugerechnet werden, aber in der einzig zugänglichen Wirklichkeit, nämlich der Wirklichkeit des Bewusstseins, sind alle diese Zustände schlecht sortiert und dem vermeintlich Unwirklichen kann eine reale Präsenz erwachsen als den vermeintlich wirklichen Gegenständen der Außenwelt.
Wie stehen jedoch Wirklichkeit und Virtualität in Beziehung?
Unter dem Prinzip des Zweifels vollzieht sich spätestens im 19. Jahrhundert eine kopernikanische Wende, nicht länger dichterischen oder philosophischen Wesensschauen zu vertrauen, sondern die Oberflächen selbst als das offenste Geheimnis dieser Wirklichkeit zu begreifen. Seit Friedrich Nietzsche bewegen wir uns nur noch auf dem Oberflächigen. Es ist die neuzeitliche Orthodoxie, der Schein schiebt sich. Auch wenn diese Oberflächen konstruierbar und manipulierbar sind, stoßen wir immer wieder auf Objekte, die sich diesem Willen nicht beugen.
Die platonische Spannung zwischen Sein und Schein wird wachgehalten, auch wenn wir vorübergehend den Glauben verloren haben, dieses idealistische Sein als unfreiwillige ‹Höhlenbewohner› je begreifen zu können. Doch auf der Ebene der Oberflächen leitet sich ein politisches Programm ab, diese Wirklichkeit zu gestalten, ohne das Wesen dieser Welt verstehen zu müssen. So verstehen wir, wenn Marx das hegelianische Erkenntnisprogramm des absoluten Wissens auf den Kopf stellt und provoziert, dass es nicht darauf ankommt. (...)
